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Syrien: Der Tod kommt von oben

Syrien: Der Tod kommt von oben

Durch einen Spalt in der Mauer ist Syrien zu sehen. Dort sitzen Kinder und
Mütter mit glasigen Blicken auf dem Boden, die Landschaft unwirklich, nur Steine und Sand. Die
Frauen fächern den Körpern ihrer Töchter und Söhne Luft zu, wirbeln aber nur feinen Staub auf.
Hier im Grenzgebiet zwischen Jordanien und Syrien steht das Thermometer heute bei 37 Grad –
das ist etwas kühler als in den vergangenen Tagen.

Zwischen den Grenzorten Mafrak in Jordanien und Nassib in Syrien harren circa 3000 Menschen auf dem Gelände einer ehemaligen Sonderwirtschaftszone aus. Auf der syrischen Seite der Grenze zu Jordanien sind es in den vergangenen Tagen nach Angaben der Vereinten Nationen insgesamt etwa 320.000 Menschen. Viele von ihnen seien laut UN in die umliegenden Dörfer und Städte weitergezogen. Es fehlt den Flüchtlingen an allem. Es gibt kein Wasser, keine Lebensmittel, keine Zelte, keine Windeln, keine Toiletten, keine Würde weit und breit. Anfang Juni hat das syrische Regime seine Offensive auf die letzten von Rebellen gehaltenen Gebiete im Süden Syriens begonnen. Die Luftwaffen der syrischen und der verbündeten russischen Armee setzen auf Flächenbombardement, treffen alles und jeden, den Zivilisten bleibt nur die Flucht. Hier an der Grenze zu Jordanien ist für die Fliehenden allerdings Endstation. Jordanien hat die Grenze geschlossen. Wie es nun weitergehe, wisse nur Allah, sagt ein jordanischer Soldat am Eingang der Militärzone.

Zehn Meter vor der Grenzlinie bei Mafrak hat die jordanische Armee Panzer, Last- und Geländewagen aufgefahren. Schwer bewaffnete Soldaten haben aus Stroh, Planen und Steinen eine Mauer improvisiert. Sie dient vor allem als Sichtschutz und soll die Flüchtlinge und damit auch die Schande der Weltgemeinschaft verschwinden lassen. Direkt dahinter, das kann man nicht verbergen, sind Rauchsäulen zu sehen, manchmal taucht ein Kampfflugzeug am Horizont auf, Bomben fallen nieder. Seit mehr als sieben Jahren bestimmt ein unerbittlicher Krieg das Leben der Syrer, ein Krieg, der die Menschlichkeit der Nachbarländer und auch die des Westens auf eine harte Probe stellt.

Videos und Augenzeugenberichte lassen nachvollziehen, was sich derzeit in Südsyrien abspielt. Rund um die Stadt Daraa, wo der Aufstand gegen das Assad-Regime im Jahr 2011 seinen Anfang nahm, sind Wohnbezirke und Dörfer dem Erdboden gleichgemacht worden. Der Tod kommt von oben. Russische Kampfjets unterstützen die “Operation Basalt” des Assad-Regimes, das in großem Stil Fassbomben abwerfen lässt, Fässer, gefüllt mit Sprengstoff und Altmetall, nicht steuerbar, aber brutal. Auf verifizierten Bildern sind Leichen zu erkennen, die von Nägeln und Metallsplittern zersiebt wurden. Weil die Angriffe nicht unterbrochen werden, können viele Angehörige die Opfer nicht begraben.

Es trifft auch die Flüchtenden. Unabhängige Ärzte und jordanische Militärsprecher berichten von einem zweijährigen Mädchen, das auf der Flucht von einem Angriff aus der Luft überrascht wurde und beide Beine sowie einen Arm verlor. Frauen erlitten Fehlgeburten im siebten, achten und neunten Monat. Pro Tag sind bisher im Schnitt fünf Flüchtlinge an Dehydrierung gestorben. Das sind lediglich die bestätigten Zahlen.

Neben der
ZEIT
und einer jordanischen Journalistin darf sich an diesem Tag auch eine Reporterin der staatlichen Nachrichtenagentur Sputnik aus Russland ein Bild von der Katastrophe machen. “Eigentlich gibt es nicht mehr viel zu berichten”, sagt die Journalistin, die im Auftrag des Kreml unterwegs ist. Ihre Fragen an den jordanischen Militärsprecher lauten so: “Ich habe gehört, dass Ihr Krankenhaus hier sehr gute Arbeit leistet. Nicht wahr?” oder “Es sind ja gar nicht mehr so viele Menschen, die behandelt werden müssen. Nicht wahr?” Der russische Außenminister Sergej Lawrow habe nämlich bei Verhandlungen eine gute Lösung für die syrischen Flüchtlinge erreicht, behauptet sie, die Terroristen seien so gut wie besiegt und die Menschen ausreichend versorgt. Bald könnten die Flüchtlinge sogar in ihre Dörfer zurückkehren. “Alles super”, kommentiert sie abschließend und verlässt den Rundgang durch die Militärzone frühzeitig, lächelnd.

Vor wenigen Tagen hat Sergej Lawrow verkündet, man habe eine Waffenruhe mit den Rebellen geschlossen. Einige oppositionelle Kämpfer hätten das Angebot bekommen, in die Rebellengebiete im Norden Syriens auszureisen. Die Flüchtlinge könnten nun zurückkehren. Ob diese Waffenruhe eingehalten wird, ist nicht unabhängig zu überprüfen. Hier, durch den Spalt in der Mauer, sind auf syrischer Seite weiße und gelbe Rauchsäulen zu sehen. Der Beschuss auf Daraa dauert an. Was passiert wirklich hinter der Grenze?

Stündlich werden Kinder mit Durchfallerkrankungen, schwangere Frauen oder geschwächte Senioren durch eine Lücke in der Mauer in ein kleines Zelt der Nichtregierungsorganisation Medical International Corps auf der jordanischen Seite geführt. Sie werden rasch behandelt – und wieder auf den kargen Boden hinter der Mauer zurückgeschickt. Eine ältere Frau macht sich von dem jordanischen Soldaten los, der sie herüberbringt, und rennt dem Reporter entgegen. Sie wirft sich auf die Knie, schreit, man möge sie in Sicherheit bringen. Auf ihrem rundlichen Gesicht mischen sich Tränen mit Staub. Umm Abdeslam ist 50 Jahre alt und sieht aus wie 70. Ihr schwarzes Gewand hat sie seit sieben Tagen nicht gewechselt, so lange harrt sie schon hier aus. Sie versucht, die Stirnen der Ärzte, der Soldaten, des Reporters zu küssen – eine Geste der Hilflosigkeit und der Unterwerfung. Umm Abdeslam holt tief Luft und berichtet:

“Zehn Minuten haben uns vor dem Tod bewahrt, denn wir sind rechtzeitig geflohen. Unsere Nachbarn sind nun im Paradies, sie haben gezögert. Die Fassbomben prasselten plötzlich auf unsere Häuser nieder. Ich habe noch gesehen, wie mein Haus in Flammen aufging. Mein Mann, mein 16-jähriger Sohn und meine jüngste Tochter, wir haben uns alle an einen kleinen Lastwagen geklammert. Ich hatte solche Angst. Seit einer Woche sitze ich nun hinter der Mauer. Ich kann nicht mehr. Wenn uns Jordanien nicht will, ziehen wir weiter. Entscheidet ihr, wo wir hingehen sollen! Nur in Syrien kann ich nicht mehr leben. Dort gibt es nichts als den Tod.”

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