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Aktivkohle: Wie aktiv kann Kohle sein?

Aktivkohle: Wie aktiv kann Kohle sein?

Pechschwarzes Aktivkohle-Eis in Aktivkohle-Waffeln, Aktivkohle-Cremes im Drogeriemarkt und in den sozialen Medien lächeln Influencer mit strahlend weißen Zähnen, die sie sich mit Aktivkohle-Zahnpasta geputzt haben. Aktivkohle ist tatsächlich in aller Munde. Und sie soll auch im Duschgel besonders effektiv reinigen und als Tablette oder als Zusatz in Lebensmitteln den Körper entgiften. Aber hält der Hype um den schwarzen Stoff einer Überprüfung stand? Was bringen die Produkte wirklich?

Ursprünglich wurde Kohle vor allem gegen Durchfall aktiv. Schon seit dem 17. Jahrhundert weiß man auch, dass sie Giftstoffe adsorbieren kann, die geschluckt wurden. Lange gehörten Kohletabletten deshalb in jede Reiseapotheke. Viel wichtiger aber: Aktivkohle ist tatsächlich ein wichtiger Wasser- und Partikelfilter, sie wird beim heimischen Wasseraufbereiter genauso eingesetzt wie in Teichanlagen und großen technischen Industrieanlagen oder Klärwerken.

Die Wirkung lässt sich durch den Aufbau des Stoffs erklären: Aktivkohle ist sehr porös. Wie ein Schwamm besitzt sie unzählige Poren, die nur wenige Nanometer groß sind. Im Inneren schaffen diese Poren eine riesige Oberfläche – ähnlich wie Teile der Darmoberfläche, die tausendfach gefaltet und verschränkt ist. Würde man die Oberfläche, die sich in einem Gramm Aktivkohle versteckt, ausrollen, läge ein kohlschwarzes Fußballfeld vor einem.

Diese innere Fläche ist das Entscheidende. Durchströmt eine Flüssigkeit oder ein Gas die Kohle, bildet sie schwache Bindungen zu den Stoffen. Bevorzugt bindet Aktivkohle unpolare Moleküle, wie Fette oder Öle, in denen die Ladung gleichmäßig verteilt ist. Diese unpolaren Moleküle bleiben an der Oberfläche der Aktivkohle hängen, weil die Aktivkohle ebenfalls unpolar ist – in der Chemie löst sich gleiches in gleichem. Kohletabletten binden so Flüssigkeit und Giftstoffe. In Abgas- und Wasseraufbereitungsanlagen werden dadurch Schadstoffe aus Luft und Wasser gefiltert.

Reinigt Aktivkohle-Zahnpasta besser als herkömmliche?

In Industrie und Medizin ist Aktivkohle also ein wirksames und sinnvolles Mittel. Aber lässt sich das auf Kosmetika, Zahnpasten und Lebensmittelzusätze übertragen? Ganz unplausibel ist das nicht: Könnte Aktivkohle nicht auch überschüssiges Hautfett, Zahnbelag und Giftstoffe binden und damit unschädlich machen? Bewiesen ist das keineswegs.

Als Zahnreinigungsmittel wird Aktivkohle auf zwei Arten eingesetzt: Einerseits kann man sich die Zähne mit dem puren Stoff putzen. Andererseits gibt es auch herkömmliche Zahnpasten, denen ein wenig Aktivkohle zugesetzt wurde. “Ob das einen reinigenden oder aufhellenden Effekt hat, indem die Aktivkohle irgendwelche chemischen Substanzen auf der Zahnoberfläche bindet und abtransportiert, ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen”, sagt der Zahnarzt Wolfgang Boer von der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Zahnmedizin.

Es sei wahrscheinlicher, dass die Kohlepartikel einen Scheuereffekt haben. Und dieser könne bei längerfristiger Anwendung dazu führen, dass man sich den Zahnschmelz abreibt. Ob eine Zahnpasta schaden könnte, verrät der Relative-Dentin-Abrasion-Wert, kurz RDA-Wert. Der sagt aus, wie stark das Schmirgelverhalten einer Paste ist. Liege er unter 70, sei die Zahnpasta unbedenklich, sagt Boer. Da die Hersteller diesen RDA-Wert nicht auf der Verpackung angeben müssen, ist etwas Recherche nötig, um ihn zum Beispiel bei Stiftung Warentest oder Stiftung Ökotest zu finden.

Lasse sich der RDA-Wert eines Produktes aber nicht feststellen, rät Boer nur eines: “Finger weg!” Für die meisten Aktivkohleprodukte gilt genau das – denn viele sind so neu, dass sie noch nicht getestet wurden. Ihre RDA-Werte lassen sich auch bei intensiver Recherche nicht ermitteln. Dazu kommt noch, dass einer reinen Aktivkohle-Zahnpasta Inhaltsstoffe wie Fluorid fehlen, die vor Karies und anderen Zahnerkrankungen schützen sollen.

Handelt es sich um eine mit Aktivkohle versetzte Zahnpasta, ist es noch unwahrscheinlicher, dass hier etwas wirkt: Die anderen Bestandteile der Zahnpasta haben die Oberfläche der Aktivkohle dann nämlich bereits besetzt.

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